Govardhan Bhakti Blog - Madhurya Kadambini - Die eigentlich Ursache von Bhakti

Mādhurya-kādambinī — Erster Schauer — Text 4b

Hunderte von Schriftstellen bezeugen, dass Bhagavān ausschließlich aus eigenem, freiem Willen in diese Welt herabsteigt — svecchāvatāra.

Niṣkāma-karma und andere Praktiken als Tor zur Bhakti

kiṁ ca „svecchāvatāra-caritaiḥ“ iti „svecchā-mayasya“ ity ādi pramāṇa-śatair avagatena svācchandyenāvatarato ‚pi tasya bhū-bhāra-haraṇādeḥ sthūla-dṛṣṭyā hetutve iva niṣkāma-karmādeḥ kvāpi dvāratve ‚pi na kṣatiḥ | kiṁ ca — „yan na yogena sāṅkhyena dāna-vrata-tapo ‚dhvaraiḥ | vyākhyā-svādhyāya-sannyāsaiḥ prāpnuyād yatnavān api ||“ ity ādinā dāna-vratādīnāṁ spaṣṭam eva hetutva-khaṇḍane ‚pi — „dāna-vrata-tapo-homa-japa-svādhyāya-saṁyamaiḥ | śreyobhir vividhaiś cānyaiḥ kṛṣṇe bhaktir hi sādhyate ||“

So wie Bhagavān aus freiem Willen herabsteigt und doch äußerlich betrachtet das Entlasten der Erde als Grund genannt wird, so erscheint auch Niṣkāma-karma — selbstloses Handeln, Bhagavān dargebracht — an manchen Stellen der Schrift als Tor zur Bhakti. Darin liegt kein Widerspruch. Denn einerseits sagt das Bhāgavatam klar: „Selbst durch Yoga, Sāṅkhya, Wohltätigkeit, Gelübde, Askese, Rituale, Schriftstudium und Entsagung — bei größter Anstrengung — erlangt man Meine Bhakti nicht.“ Andererseits heißt es: „Durch Wohltätigkeit, Gelübde, Askese, Opfergaben, Mantra-Rezitation, Studium der Veden und Selbstzucht — durch vielfältige segensreiche Handlungen — wird Kṛṣṇa-Bhakti erlangt.“ Wie lassen sich diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen vereinen?

Erläuterung

Cakravartī Ṭhākura greift hier ein Problem auf, das jedem aufmerksamen Leser der Schriften begegnet: An manchen Stellen wird kategorisch verneint, dass Praktiken wie Wohltätigkeit, Gelübde oder Askese zur Bhakti führen können (ŚB 11.12.9), während an anderen Stellen genau diese Praktiken als Mittel zur Erlangung von Kṛṣṇa-Bhakti genannt werden (ŚB 10.47.24). Wie kann beides wahr sein, ohne dass die selbstoffenbarende Natur der Bhakti untergraben wird?

Seine Antwort liegt in einer Analogie, die er aus Bhagavāns eigenem Erscheinen ableitet. Hunderte von Schriftstellen bezeugen, dass Bhagavān ausschließlich aus eigenem, freiem Willen in diese Welt herabsteigt — svecchāvatāra. Und doch nennen die Schriften äußere Anlässe wie das Entlasten der Erde von der Last der Dämonen. Ist das ein Widerspruch? Nein — denn wer genauer hinsieht, erkennt: Der, der durch bloßen Willen unzählige Universen auflösen kann, braucht gewiss keinen äußeren Anlass, um ein paar Dämonen zu besiegen. Das Entlasten der Erde ist nicht die Ursache Seines Erscheinens, sondern ein Nebeneffekt Seiner eigenständig beschlossenen Līlā — eine Beschreibung aus der Außenperspektive.

Genauso verhält es sich mit Niṣkāma-karma und den anderen genannten Praktiken. Aus der Außenperspektive (sthūla-dṛṣṭi) erscheinen sie als Tor zur Bhakti. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Bhakti auf keinem anderen Weg zu erlangen ist als durch die Barmherzigkeit der Bhaktas, wie in den Texten 3e und 4a dargelegt. Wenn die Schriften dennoch von Wohltätigkeit und Gelübden als Mitteln sprechen, dann beschreiben sie die äußere Erscheinung eines Vorgangs, dessen eigentliche Ursache verborgen bleibt: Es ist die Bhakti selbst, die sich durch das Medium der Bhaktas offenbart — und die genannten Praktiken sind bestenfalls der Rahmen, in dem diese Begegnung stattfindet, nicht ihre Ursache.

Damit ist der scheinbare Widerspruch zwischen den Bhāgavatam-Versen gelöst: Die eine Stelle (11.12.9) spricht von der eigentlichen Ursache — und verneint, dass Karma in irgendeiner Form Bhakti hervorbringen kann. Die andere Stelle (10.47.24) spricht von der äußeren Erscheinung — und benennt die Umstände, unter denen Bhakti sich zeigen kann, ohne zu behaupten, dass diese Umstände ihre Ursache wären. Die selbstoffenbarende Natur der Bhakti bleibt unberührt.


Quellennachweis

Diese Artikelreihe ist eine eigenständige deutschsprachige Ausarbeitung und Kommentierung des Werkes Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura.

Grundlage & Referenzen: Primäre Grundlage der Bearbeitung ist der gemeinfreie Sanskrit-Originaltext. Für die Interpretation der Verse und die tiefergehenden Erläuterungen (vṛtti) wurde konsultierend und als inspirierende Referenz die englische Ausgabe der Gaudiya Vedanta Publications herangezogen (Mādhurya-kādambinī mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja, 1. Auflage 2018).

Rechtlicher Hinweis: Die hier vorliegenden deutschen Texte, Versübertragungen und Zusammenfassungen sind eine persönliche geistige Schöpfung des Autors (J. Krug / Jay Gopal D.). Dies ist eine unabhängige Publikation im Dienste des Hari-katha. Sie steht in keiner offiziellen Verbindung zu Gaudiya Vedanta Publications (GVP) oder deren angeschlossenen Organisationen und ist keine autorisierte Übersetzung der oben genannten englischen Ausgabe.

Die englische Referenzausgabe ist digital einsehbar unter: purebhakti.com (Englische Ausgabe: ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications)