Govardhan Bhakti Blog - Madhurya Kadambini - Die Weitergabe der Barhmherzigkeit erfolgt durch Bhagavans Geweihte

Mādhurya-kādambinī — Erster Schauer — Text 4a

Als Antaryāmī lenkt Er die gewöhnlichen Wesen, die durch ihre äußeren Sinne die Früchte ihres Geschicks ernten — doch gegenüber Seinen Bhaktas zeigt sich allein Seine unmittelbare Gunst.

Bhagavāns Gnadenkraft ist den Bhaktas anvertraut

na ca bhaktānāṁ kṛpāyāḥ prāthamyāsambhavas teṣām apīśvara-preryatvād iti vācyam | īśvareṇaiva sva-bhakta-vaśyatāṁ svīkurvatā sva-kṛpā-śakti-sampradānīkṛta-sva-bhaktena tādṛśasya bhaktotkarṣasya dānāt | antaryāminaś ca īśitavyānāṁ svādṛṣṭopārjita-bahir-indriya-vyāpāreṣu niyamana-mātra-kāritve ‚pi sva-bhakteṣu sva-prasāda eva dṛśyate | yad uktaṁ śrī-gītāsu „tat-prasādāt parāṁ śāntiṁ sthānam“ iti | prasādaś ca sva-kṛpā-śakti-dānātmakaḥ pūrvam ukta eva |

Man wende nicht ein, die Barmherzigkeit der Bhaktas könne nicht an erster Stelle stehen, weil auch die Bhaktas von Bhagavān gelenkt würden. Denn Bhagavān selbst, der sich freiwillig Seinen Geweihten unterwirft, hat ihnen Seine eigene Gnadenkraft anvertraut, damit sie andere erheben können. So hat Er ihnen diese Vorzüglichkeit geschenkt. Als Antaryāmī lenkt Er die gewöhnlichen Wesen, die durch ihre äußeren Sinne die Früchte ihres Geschicks ernten — doch gegenüber Seinen Bhaktas zeigt sich allein Seine unmittelbare Gunst. Daher heißt es in der Gītā: „Durch die Gnade jenes höchsten Lenkers wirst du den ewigen Frieden und die unvergängliche Stätte erlangen.“ Und diese Gnade ist zu verstehen als die Gabe Seiner eigenen Gnadenkraft — wie zuvor dargelegt.

Erläuterung

Nachdem Cakravartī Ṭhākura in der Vers-3-Reihe bewiesen hat, dass die Barmherzigkeit der Bhaktas die eigentliche Ursache der Bhakti ist, begegnet er hier einem naheliegenden Einwand: Wenn alles letztlich von Bhagavān gelenkt wird — ist dann nicht auch die Barmherzigkeit der Bhaktas nur ein Ausdruck Seines Willens? In diesem Fall wäre Bhagavān doch die erste Ursache, und das Problem der Parteilichkeit aus Text 3d kehrte zurück.

Die Antwort erschließt eine bemerkenswerte Dynamik innerhalb der göttlichen Beziehung. Bhagavān hat, gerade weil Er sich Seinen Bhaktas unterwirft (bhakta-vaśyatā), Seine eigene Gnadenkraft (kṛpā-śakti) in ihre Herzen gelegt — und zwar so, dass sie diese Kraft unabhängig ausüben können, ohne auf Seinen Impuls von Fall zu Fall warten zu müssen. Er hat Seinen Bhaktas in dieser Hinsicht volle Freiheit geschenkt. Das ist kein Widerspruch zu Seiner Allmacht, sondern ihr höchster Ausdruck: Der Allmächtige macht sich freiwillig abhängig von denen, die Ihn lieben.

Jīva Gosvāmī erläutert im Bhakti-sandarbha (Anuccheda 180), warum diese Anordnung notwendig ist. Bhagavān ist Seinem Wesen nach verdichtete Wonne (paramānanda). Wie die Sonne, die nur Licht kennt, keinen Zugang zur Dunkelheit hat, so kann Bhagavān das Leid der verirrten Seelen nicht unmittelbar empfinden — und ohne dieses Empfinden kann Barmherzigkeit nicht in der Weise erwachen, die den gefallenen Jīvas zugänglich wäre. Die großen Seelen hingegen wandeln zwar ebenfalls im Bereich der reinen Wonne (śuddha-sattva), doch wie jemand, der aus dem Schlaf erwacht und sich an die Leiden seines Traumes erinnert, können sie sich an das Elend der materiellen Existenz erinnern. Wenn ihr Herz davon geschmolzen wird, schenken sie ihre Gnade. Bhagavān hat Seine eigene Gnadenkraft deshalb in ihre Herzen gelegt — damit sie diese Arbeit tun können, die Er Selbst, kraft Seiner Natur als reine Wonne, nicht auf dieselbe Weise ausüben kann.

Dabei bleibt eine wichtige Unterscheidung bestehen: In Bezug auf die Gnade, die den Bhaktas selbst zuteilwird, ist Bhagavān allein der Lenker. Die Offenbarung Seiner Gnadenkraft in den Sinnen der Geweihten unterliegt Seinem Willen, nicht ihrem eigenen. Doch in Bezug auf die Weitergabe dieser Gnade an andere Seelen hat Er Seinen Bhaktas volle Unabhängigkeit geschenkt. So entsteht eine zweifache Ordnung: Bhagavān lenkt die Beziehung zu Seinen Bhaktas unmittelbar und persönlich, während die Bhaktas als Sein Werkzeug — besser: als Sein bevollmächtigtes Gegenüber — die Gnade in die Welt tragen.

Für den Sādhaka enthält dieser Text eine tiefe Ermutigung: Die Gnade, die ihm durch einen Bhakta begegnet, ist keine bloße Weitervermittlung — sie ist Bhagavāns eigene Gnadenkraft, die Er freiwillig in die Hände Seiner Geweihten gelegt hat. Wer einem Sādhu begegnet, begegnet dieser Kraft.


Quellennachweis

Diese Artikelreihe ist eine eigenständige deutschsprachige Ausarbeitung und Kommentierung des Werkes Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura.

Grundlage & Referenzen: Primäre Grundlage der Bearbeitung ist der gemeinfreie Sanskrit-Originaltext. Für die Interpretation der Verse und die tiefergehenden Erläuterungen (vṛtti) wurde konsultierend und als inspirierende Referenz die englische Ausgabe der Gaudiya Vedanta Publications herangezogen (Mādhurya-kādambinī mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja, 1. Auflage 2018).

Rechtlicher Hinweis: Die hier vorliegenden deutschen Texte, Versübertragungen und Zusammenfassungen sind eine persönliche geistige Schöpfung des Autors (J. Krug / Jay Gopal D.). Dies ist eine unabhängige Publikation im Dienste des Hari-katha. Sie steht in keiner offiziellen Verbindung zu Gaudiya Vedanta Publications (GVP) oder deren angeschlossenen Organisationen und ist keine autorisierte Übersetzung der oben genannten englischen Ausgabe.

Die englische Referenzausgabe ist digital einsehbar unter: purebhakti.com (Englische Ausgabe: ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications)