Govardhan Bhakti Blog - Madhurya Kadambini - Reine Bhakti ist grundlos und unabhängig

Mādhurya-kādambinī — Text 3d

Bhakti ist selbstoffenbarend. Sie manifestiert sich aus eigenem, freiem Willen. Sie handelt, wie es ihr gefällt.

Ist Bhagavāns Barmherzigkeit die Ursache der Bhakti?

bhagavat-kṛpaiva hetur ity ukte tasyā api hetāv anviṣyamāṇe ’navasthā | tat-kṛpāyā nirupādhikāyā hetutve tasyā asārvatrikatvena tasmin bhagavati vaiṣamyaṁ prasajjeta | duṣṭa-nigraheṇa sva-bhakta-pālana-rūpaṁ tu vaiṣamyaṁ tatra na duṣaṇāvahaṁ pratyuta bhūṣaṇāvaham eva | bhakta-vātsalya-guṇasya sarva-cakravartitvena sarvopamardakatvenopariṣṭād aṣṭamy-amṛta-vṛṣṭau vyākhyāsyamānatvāt |

Wenn man sagt, Bhagavāns Barmherzigkeit sei die Ursache der Bhakti — was ist dann die Ursache dieser Barmherzigkeit? Und was die Ursache jener Ursache? Verfolgt man diese Kette, erreicht man nie einen Endpunkt: das Übel des unendlichen Rückschritts. Nimmt man hingegen an, Seine grundlose Barmherzigkeit sei die Ursache, so müsste sie allen Wesen gleichermaßen zuteilwerden — doch das ist nicht, was wir sehen. Also träfe Bhagavān der Vorwurf der Parteilichkeit. Dass Er die Frevler züchtigt und Seine Geweihten beschützt, ist jedoch kein Makel, sondern Sein größter Schmuck. Denn unter all Seinen Eigenschaften thront die Zuneigung zu Seinen Bhaktas als unumschränkte Herrscherin. Davon wird im Achten Nektarschauer ausführlich die Rede sein.

Erläuterung

Cakravartī Ṭhākura setzt die logische Analyse aus Text 3c fort und prüft nun einen dritten und vierten Erklärungsversuch für die Ursache der Bhakti.

Der dritte Versuch lautet: Bhagavāns Barmherzigkeit ist die Ursache. Doch auch diese Antwort wirft sofort die nächste Frage auf — was veranlasst Seine Barmherzigkeit? Und was die Ursache dieser Veranlassung? So entsteht ein anavasthā-doṣa, ein unendlicher Rückschritt, der niemals zu einem abschließenden Grund gelangt. Das Argument dreht sich im Kreis.

Der vierte Versuch versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen: Bhagavāns grundlose Barmherzigkeit (ahaitukī-kṛpā) sei die Ursache — eine Gnade, die selbst keiner weiteren Ursache bedarf. Doch hier entsteht ein anderes Problem: Wenn diese Gnade grundlos ist, müsste sie allen Lebewesen gleichermaßen zuteilwerden. Bhagavān ist unparteiisch — warum sollte Er dem einen geben und dem anderen nicht? Doch die Wirklichkeit zeigt, dass Bhakti nicht in allen Wesen erwacht. Bhagavān träfe also der Vorwurf der Parteilichkeit (vaiṣamya), und ein solcher Makel ist bei Ihm undenkbar.

Hier greift Cakravartī Ṭhākura einem naheliegenden Einwand vor: Bestraft Bhagavān nicht die Dämonen und beschützt Seine Geweihten? Ist das nicht bereits Parteilichkeit? Die Antwort ist bemerkenswert — dieses scheinbare vaiṣamya ist kein Fehler, sondern Sein größter Schmuck. Seine Zuneigung zu den Bhaktas (bhakta-vātsalya) ist unter all Seinen unzähligen Eigenschaften die alles überragende — sie thront als Herrscherin über alle anderen. Und selbst in der Züchtigung der Dämonen zeigt sich Seine Barmherzigkeit: Ohne Sein Eingreifen würden die Folgen ihrer Feindseligkeit sie in endloses Leid stürzen. Indem Er sie tötet, gewährt Er ihnen auf dem Umweg der Bestrafung die Befreiung (mukti), die selbst für Yogīs schwer zu erlangen ist. Dieses Thema wird im Achten Nektarschauer der Mādhurya-kādambinī eingehend behandelt.

Was bedeuten diese vier Argumente zusammengenommen? Die Texte 3b bis 3d haben systematisch jeden Versuch widerlegt, Bhakti auf eine äußere Ursache zurückzuführen — sei es gutes Geschick aus frommen Taten, unbestimmbares Glück, Bhagavāns Barmherzigkeit mit Ursache oder Bhagavāns grundlose Barmherzigkeit. Was bleibt, ist die Schlussfolgerung aus Text 3b: Bhakti ist selbstoffenbarend. Sie manifestiert sich aus eigenem, freiem Willen. Yadṛcchā bedeutet nicht „durch irgendein Glück“ und nicht „durch Gottes Gnade“, sondern svairitā — sie handelt, wie es ihr gefällt.


Quellennachweis

Diese Artikelreihe ist eine eigenständige deutschsprachige Ausarbeitung und Kommentierung des Werkes Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura.

Grundlage & Referenzen: Primäre Grundlage der Bearbeitung ist der gemeinfreie Sanskrit-Originaltext. Für die Interpretation der Verse und die tiefergehenden Erläuterungen (vṛtti) wurde konsultierend und als inspirierende Referenz die englische Ausgabe der Gaudiya Vedanta Publications herangezogen (Mādhurya-kādambinī mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja, 1. Auflage 2018).

Rechtlicher Hinweis: Die hier vorliegenden deutschen Texte, Versübertragungen und Zusammenfassungen sind eine persönliche geistige Schöpfung des Autors (J. Krug / Jay Gopal D.). Dies ist eine unabhängige Publikation im Dienste des Hari-katha. Sie steht in keiner offiziellen Verbindung zu Gaudiya Vedanta Publications (GVP) oder deren angeschlossenen Organisationen und ist keine autorisierte Übersetzung der oben genannten englischen Ausgabe.

Die englische Referenzausgabe ist digital einsehbar unter: purebhakti.com (Englische Ausgabe: ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications)