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Wenn dieses gute Geschick aus frommen Taten (śubha-karma) entsteht, dann wird Bhakti zum Produkt von Karma. Sie wäre abhängig von etwas außerhalb ihrer selbst
yadṛcchayā kenāpi bhāgyeneti vyākhyāne bhāgyaṁ nāma kiṁ śubha-karma-janyaṁ, tad-ajanyaṁ vā? ādye bhakteḥ karma-janya-bhāgya-janyatve karma-pāratantrye sva-prakāśatāpagamaḥ | dvitīye bhāgyasyānirvācyatvenājñeyatvād asiddheḥ kathaṁ hetutvam |
Wenn manche das Wort yadṛcchā als „durch das Erwachen irgendeines guten Geschicks“ deuten — was ist dann die Natur dieses Geschicks? Entsteht es aus frommen Taten? Dann wäre Bhakti dem Karma unterworfen, und ihre selbstoffenbarende Natur wäre dahin. Oder entsteht es ohne solche Taten? Dann bleibt seine Ursache unbestimmbar — und wie kann etwas, das selbst unbestimmt ist, Ursache von irgendetwas sein?
Cakravartī Ṭhākura wendet sich hier gegen eine bestimmte Auslegung des Wortes yadṛcchā, die auf den großen Kommentator Śrīdhara Svāmī zurückgeht. Śrīdhara Svāmī hatte in seiner Erklärung des Bhāgavatam-Verses yadṛcchayā mat-kathādau (11.20.8) geschrieben: yadṛcchayā kenāpi bhāgyodayena — „yadṛcchā bedeutet: durch das Erwachen irgendeines guten Geschicks.“ Cakravartī Ṭhākura widerspricht dem nicht aus Respektlosigkeit gegenüber Śrīdhara Svāmī, sondern um eine philosophische Unschärfe zu klären, die weitreichende Folgen hat.
Sein Argument ist ein Dilemma mit zwei Hörnern. Erstens: Wenn dieses gute Geschick aus frommen Taten (śubha-karma) entsteht, dann wird Bhakti zum Produkt von Karma. Sie wäre abhängig von etwas außerhalb ihrer selbst — und damit wäre ihre in Text 3b beschriebene selbstoffenbarende Natur hinfällig. Alle offenbarten Schriften bezeugen, dass Bhakti sac-cid-ānanda ist, eine Funktion der Svarūpa-śakti, und ebenso selbstoffenbarend wie Bhagavān. Sie dem Karma unterzuordnen hieße, diese Zeugnisse der Śruti zu missachten.
Zweitens: Wenn dieses gute Geschick nicht aus frommen Taten entsteht, dann hat es keine bestimmbare Ursache. Es bleibt, wie Cakravartī Ṭhākura sagt, anirvācya — unausdrückbar, unbestimmbar. Etwas, das selbst nicht festgestellt werden kann, taugt nicht als Ursache für etwas anderes. Das Argument löst sich in Leere auf.
In beiden Fällen scheitert der Versuch, Bhakti auf ein äußeres „gutes Geschick“ zurückzuführen. Was bleibt, ist die bereits in Text 3b dargelegte Wahrheit: Yadṛcchā bedeutet nicht „durch irgendein Glück“, sondern „aus eigenem, freiem Willen“. Bhakti ist niemandes Geschenk außer ihr selbst.
Für den Sādhaka hat dieses Argument eine befreiende Konsequenz: Bhakti kann nicht verdient werden, aber sie muss es auch nicht. Sie ist nicht das Ergebnis einer langen Kette frommer Handlungen, an deren Ende man sich endlich qualifiziert hat. Sie ist eine freie Person, die aus eigenem Entschluss handelt. Das bedeutet nicht, dass Sādhana wertlos wäre — es bedeutet, dass die Beziehung zu Bhakti nicht die eines Arbeiters zu seinem Lohn ist, sondern die eines Bittenden zu einer souveränen Geberin.
Quellennachweis
Diese Artikelreihe ist eine eigenständige deutschsprachige Ausarbeitung und Kommentierung des Werkes Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura.
Grundlage & Referenzen: Primäre Grundlage der Bearbeitung ist der gemeinfreie Sanskrit-Originaltext. Für die Interpretation der Verse und die tiefergehenden Erläuterungen (vṛtti) wurde konsultierend und als inspirierende Referenz die englische Ausgabe der Gaudiya Vedanta Publications herangezogen (Mādhurya-kādambinī mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja, 1. Auflage 2018).
Rechtlicher Hinweis: Die hier vorliegenden deutschen Texte, Versübertragungen und Zusammenfassungen sind eine persönliche geistige Schöpfung des Autors (J. Krug / Jay Gopal D.). Dies ist eine unabhängige Publikation im Dienste des Hari-katha. Sie steht in keiner offiziellen Verbindung zu Gaudiya Vedanta Publications (GVP) oder deren angeschlossenen Organisationen und ist keine autorisierte Übersetzung der oben genannten englischen Ausgabe.
Die englische Referenzausgabe ist digital einsehbar unter: purebhakti.com (Englische Ausgabe: ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications)