Govardhan Bhakti Blog - Madhurya Kadambini - Hladini Sakti kommt herein

Mādhurya-kādambinī — Text 3b

Auf den ersten Blick könnte die Aussage, Bhakti sei grundlos, entmutigend wirken: Wenn sie von selbst erscheint, was nützt dann all unser Sādhana? Doch ahaitukī bedeutet nicht willkürlich.

Bhakti ist selbstoffenbarend

tasya bhagavata iva tad-rūpāyā bhakter api sva-prakāśatā-siddhy-artham eva hetutvānapekṣatā, tathā hi — „yato bhaktir adhokṣaje ahaituky apratihatā“ ity ādau hetuṁ vinaivāvirbhavatīti tatrārthaḥ | tathaiva „yadṛcchayā mat-kathādau“ „mad-bhaktiṁ ca yadṛcchayā“ „yadṛcchyaivopacitā“ ity ādāv api yadṛcchayety asya svācchandenety arthaḥ | yadṛcchā svairitety abhidhānāt |


So wie Bhagavān aus eigenem Willen erscheint — nicht herbeigerufen, nicht erzwungen —, so auch Bhakti, die Sein eigenes Wesen in Gestalt der Hingabe trägt. Kein Verdienst ruft sie herbei, kein Ritual bewirkt ihr Kommen. „Grundlos und unaufhaltsam“ — so nennt die Schrift sie: ahaitukī, ohne äußere Ursache, und apratihatā, durch nichts aufzuhalten. Und wo die Schrift sagt yadṛcchayā, da meint das Wort: aus eigenem, freiem Willen. Denn yadṛcchā bedeutet svairitā — sie handelt, wie es ihr gefällt.


Erläuterung

Cakravartī Ṭhākura stellt hier eine weitreichende Parallele auf: So wie Bhagavān selbstoffenbarend ist — Er erscheint nicht, weil irgendeine äußere Kraft Ihn dazu veranlasst, sondern aus Seinem eigenen souveränen Willen —, so ist auch Bhakti selbstoffenbarend. Sie ist keine Reaktion auf menschliches Bemühen, kein Produkt ritueller Handlungen und kein Ergebnis intellektueller Analyse. Sie erscheint, wann und wo sie will. Als Beleg führt er eine Reihe von Śrīmad-Bhāgavatam-Versen an (1.2.6, 11.20.8, 11.20.11), die alle dieselbe Aussage treffen, und analysiert das Schlüsselwort yadṛcchā philologisch: Es bedeutet svairitā — „nach eigenem Belieben handelnd“. Bhakti kommt nicht, weil wir sie verdient haben. Sie kommt, weil es ihr gefällt.

Bhakti ist dabei nicht einfach eine fromme Stimmung oder ein psychologischer Zustand. Sie ist, wie Bhagavān selbst, aus Ewigkeit, Bewusstsein und Glückseligkeit zusammengesetzt — sac-cid-ānanda. Die Gopālottara-tāpanī Upaniṣad (2.95) beschreibt, dass Śrī Kṛṣṇa, die verdichtete Gestalt von Erkenntnis und Wonne, sich in Bhakti-yoga manifestiert, dessen innere Natur sac-cid-ānanda ist. Wäre Bhakti nicht von dieser Beschaffenheit, könnte sie Bhagavān niemals bezaubern.

Genauer bestimmt ist Bhakti die besondere Funktion der Hlādinī-śakti — jener Wonneenergie, die Bhagavāns eigenem Wesen innewohnt. Bhagavāns Svarūpa besteht aus sat (Sein), cit (Bewusstsein) und ānanda (Glückseligkeit), und diesen drei Aspekten entsprechen drei untrennbare Energien: Sandhinī, die Kraft des Seins, durch die Bhagavān sich selbst und alle Existenz erhält; Saṁvit, die Kraft des Erkennens, durch die Er sich selbst kennt und sich anderen offenbart; und Hlādinī, die Kraft der Wonne, durch die Er selbst Freude erfährt und anderen Freude schenkt. Wo die Svarūpa-śakti wirkt, sind immer alle drei gegenwärtig — doch nicht überall im selben Maß. In der Bhakti überwiegt Hlādinī.

Jīva Gosvāmī zeigt im Prīti-sandarbha (Anuccheda 65) durch ein Ausschlussverfahren, warum nur diese Zuordnung standhält: Bhakti kann nicht die materielle Wonne des Sattva-guṇa sein, denn Bhagavān ist in sich vollkommen und wird von materiellen Qualitäten nicht berührt. Sie kann nicht identisch sein mit der Wonne, die in Bhagavāns eigenem Svarūpa liegt, denn dann könnte sie Ihm keine zusätzliche Freude bereiten — und genau das tut sie. Und sie kann nicht die winzige Eigenwonne der Jīva-Seele sein, denn diese ist viel zu gering, um Bhagavān zu überwältigen. Was bleibt, ist einzig die Hlādinī-śakti. Innerhalb dieser Hlādinī gibt es eine besondere, alles übertreffende ewige Funktion, die in die Herzen der Bhaktas gelegt wird und als Bhagavat-prīti — Liebe zu Bhagavān — wirkt. Durch diese Prīti erfährt Bhagavān eine Freude, die sogar Seine eigene innewohnende Wonne übersteigt. Er wird selbst zum Objekt der Zuneigung Seiner Geweihten — und erwidert sie.

Doch wenn Bhakti eine transzendente Kraft ist, wie kann sie dann in den materiellen Sinnen eines Sādhakas erscheinen? Die Antwort gibt eine klassische Analogie: Ein Stück Eisen, das lange genug im Feuer erhitzt wird, nimmt die Qualitäten des Feuers an — es glüht, es brennt. Genauso transformiert Bhakti durch ihre eigene Kraft die materiellen Sinne des Sādhakas. Sie zerstört deren Materialität und macht sie transzendent. Die Sinne werden nicht ersetzt, sondern verwandelt.

Auf den ersten Blick könnte die Aussage, Bhakti sei grundlos, entmutigend wirken: Wenn sie von selbst erscheint, was nützt dann all unser Sādhana? Doch ahaitukī bedeutet nicht willkürlich. Es bedeutet, dass Bhakti nicht erzwungen werden kann. Unser Sādhana ist kein Kaufpreis, sondern ein Zeichen der Empfänglichkeit — wie das Öffnen eines Fensters den Wind nicht erzeugt, aber ihm Einlass gewährt. Bhakti ist eine Person, eine Manifestation von Bhagavāns Svarūpa-śakti. Sie ist nicht blind — aber sie ist frei.


Quellennachweis

Die Erläuterungen in dieser Artikelreihe basieren auf der englischen Erstausgabe der Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura, mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja (Gaudiya Vedanta Publications, 2018). Die Versübertragungen ins Deutsche und die zusammenfassenden Erläuterungen sind eigenständige Arbeiten des Autors. (J. Krug / Jay Gopal D. / govardhan.de)

Die englische Ausgabe ist als PDF verfügbar unter: purebhakti.com

ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications · Text lizenziert unter CC BY-ND 4.0