Govardhan Bhakti Blog - Madhurya Kadambini - Pfauenfeder über Sastra

Mādhurya-kādambinī — Text 3a

Und dieser Bhagavān ist seinem Wesen nach Rasa — nicht abstrakte Seligkeit, sondern lebendiger, schmeckbarer, persönlicher Nektar. Die Taittirīya Upaniṣad sagt: „raso vai saḥ" — Er ist Rasa.

Śrī Bhagavān, die wesenseigene Gestalt des Rasa, ist die Grundlage selbst des Brahman und erscheint aus eigenem Willen

iha khalu paramānanda-mayād api puruṣād „brahma pucchaṁ pratiṣṭhā“ iti brahmato ‚pi parātparo — „raso vai saḥ | rasaṁ hy evāyaṁ labdhvānandī bhavati“ iti śrutyā sūcyamāno „mallānām aśanir nṛṇāṁ nara-varaḥ strīṇāṁ smaro mūrtimān“ iti sarva-vedānta-sāreṇa nikhila-pramāṇa-cakravartinā śrīmad-bhāgavatena rasatvena vivriyamāṇaḥ „brahmaṇo hi pratiṣṭhāham“ iti śrī-gītopaniṣadā ca evāyam iti saṁmanyamānaḥ śrī-vraja-rāja-nandana eva śuddha-sattva-maya-nija-nāma-rūpa-guṇa-līlāḍhyo ’nādi-vapur eva kam api hetum anapekṣamāṇa eva svecchayaiva jana-śravaṇa-nayana-mano-buddhy-ādīndriya-vṛttiṣv avatarate | yathaiva yadu-raghv-ādi-vaṁśeṣu svecchayaiva kṛṣṇa-rāmādi-rūpeṇa |


Die Taittirīya Upaniṣad erklärt: Brahman findet sein Fundament in dem höchsten, von Seligkeit erfüllten Herrn. Er ist Rasa selbst — wer Ihn erlangt, wird von reiner Wonne durchdrungen. Das Śrīmad-Bhāgavatam, Essenz allen Vedānta und Kronjuwel unter den Erkenntnisquellen, enthüllt Ihn als die Verkörperung aller Rasas. Und in der Gītā bezeugt Er selbst: „Ich bin in Wahrheit die Grundlage des Brahman.“ Dieser selbe Vrajendra-nandana Śyāmasundara — anfanglose Gestalt aus reinstem Sein, geschmückt mit seinem Namen, seiner Form, seinen Eigenschaften und seinem Spiel — offenbart sich aus eigenem süßen Willen im Hören, Sehen, Denken und Erkennen seiner Bhaktas, so wie Er nach eigenem Belieben in der Yadu-Dynastie als Kṛṣṇa und in der Raghu-Dynastie als Rāma erscheint.


Erläuterung

Cakravartī Ṭhākura stützt seine Darlegung auf Śabda-Pramāṇa — das vedische Zeugnis —, die einzige Erkenntnisquelle, die frei von menschlicher Fehlbarkeit ist, da die Veden nicht menschlichen Ursprungs sind, sondern dem Atem Bhagavāns entstammen.

Auf dieser Grundlage etabliert er eine klare Hierarchie: Śrī Bhagavān steht nicht nur über der materiellen Welt, sondern auch über Brahman — dem gestaltlosen, alldurchdringenden Aspekt des Absoluten. Die Śruti selbst sagt: „brahma pucchaṁ pratiṣṭhā“ — Brahman ist gleichsam der Schweif des Pfaus; es existiert, weil der Pfau existiert, nicht umgekehrt. Bhagavān ist die Grundlage des Brahman, nicht Brahman die Grundlage Bhagavāns.

Und dieser Bhagavān ist seinem Wesen nach Rasa — nicht abstrakte Seligkeit, sondern lebendiger, schmeckbarer, persönlicher Nektar. Die Taittirīya Upaniṣad sagt: „raso vai saḥ“ — Er ist Rasa. Das Śrīmad-Bhāgavatam zeigt, wie Kṛṣṇa beim Betreten von Kaṁsas Arena von jedem Anwesenden gemäß dessen eigenem Rasa wahrgenommen wurde — als Donner von den Ringern, als schönster aller Männer von den Männern, als Liebesgott von den Frauen, als Verwandter von den Hirten, als strenger Herrscher von den Königen. In Ihm sind alle Rasas in ihrer höchsten Entfaltung gegenwärtig. Und in der Gītā bestätigt Er selbst: „brahmaṇo hi pratiṣṭhāham“ — Ich bin die Grundlage des Brahman.

Dieser Rasa-Svarūpa ist kein anderer als Vrajendra-nandana Śyāmasundara — anfanglose Gestalt aus reinstem Sein (Śuddha-Sattva), geschmückt mit seinem transzendentalen Namen, seiner Form, seinen Eigenschaften und seinem Spiel. Er ist von nichts und niemandem abhängig. Aus eigenem süßen Willen — ohne irgendeinen äußeren Anlass — offenbart Er sich in den Sinnen, im Geist und im Erkennen seiner liebenden Geweihten. Und ebenso erscheint Er aus freiem Willen in den Dynastien dieser Welt — als Kṛṣṇa unter den Yadus, als Rāma unter den Raghus — um seinen Bhaktas Freude zu schenken und Prema in ihren Herzen zur Entfaltung zu bringen.

Der eigentliche Zweck seines Erscheinens ist nicht die Vernichtung von Dämonen — das vollbringt Viṣṇu, der in Ihm weilt. Kṛṣṇa erscheint, um Rasa zu kosten und kosten zu lassen. Seine Bhaktas erkennen Ihn, weil Er sich ihnen offenbart. Die Nichtgeweihten — Kaṁsa, Jarāsandha, Duryodhana — sahen in Ihm nur einen gewöhnlichen Menschen. Denn seine transzendentalen Namen, Formen, Eigenschaften und Spiele können nicht durch die materiellen Sinne erfasst werden. Nur in dem Herzen, in dem die Sehnsucht nach seinem Dienst erwacht ist, offenbaren sie sich von selbst.


Die zehn Erkenntnisquellen (Daśa-Pramāṇa)

Die vedische Erkenntnislehre kennt zehn Mittel der Erkenntnis:

  1. Pratyakṣa — Sinneswahrnehmung. Fehlbar, da die Sinne begrenzt sind. Ein Seil wird für eine Schlange gehalten, eine Muschelschale für Silber.
  2. Anumāna — Schlussfolgerung. Wo Rauch ist, ist Feuer — doch nicht immer: Rauch steigt auch aus gelöschtem Feuer auf.
  3. Ārṣa — Aussagen der Weisen. Doch die Weisen widersprechen einander, und wessen Meinung nicht von anderen abweicht, der wird nie als großer Ṛṣi berühmt.
  4. Upamāna — Vergleich. Salzkristall gleicht Alaunkristall — doch nur äußerlich. Das Wesen beider ist verschieden.
  5. Arthāpatti — Vermutung. Wer tagsüber nicht isst und dennoch gesund ist, muss nachts essen — doch auch das ist nicht zwingend.
  6. Abhāva — Beweis durch Abwesenheit. Was jenseits einer hohen Mauer liegt, kann nicht gesehen werden — doch das beweist nicht, dass es nicht da ist.
  7. Sambhava — Wahrscheinlichkeit. In tausend Zahlen ist die Hundert gewiss enthalten — eine bloße Annahme der Vernunft.
  8. Aitihya — Überlieferung. Traditionelle Berichte, deren Ursprung nicht mehr nachvollziehbar ist.
  9. Ceṣṭā — Gestik. Erkenntnis durch Zeichen, etwa das Zählen an Fingern.
  10. Śabda — Vedisches Zeugnis. Die Aussagen der Schriften, die nicht menschlichen Ursprungs sind (apauruṣeya). Da sie dem Atem Bhagavāns entstammen, sind sie frei von Irrtum, Täuschung, Nachlässigkeit und Sinnesschwäche. Śabda-Pramāṇa ist selbstevident und bedarf keiner Stütze durch die anderen neun Quellen — während umgekehrt alle anderen nur dann Gültigkeit besitzen, wenn sie mit Śabda übereinstimmen.

Cakravartī Ṭhākura stützt seine gesamte Darlegung auf Śabda-Pramāṇa — und damit auf ein Fundament, das von keiner menschlichen Fehlbarkeit berührt ist.


Quellennachweis

Die Erläuterungen in dieser Artikelreihe basieren auf der englischen Erstausgabe der Mādhurya-kādambinī von Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura, mit Bhāvānuvāda und Pīyūṣa-varṣiṇī-vṛtti von Śrī Śrīmad Bhaktivedānta Nārāyaṇa Gosvāmī Mahārāja (Gaudiya Vedanta Publications, 2018). Die Versübertragungen ins Deutsche und die zusammenfassenden Erläuterungen sind eigenständige Arbeiten des Autors. (J. Krug / Jay Gopal D./ govardhan.de)

Die englische Ausgabe ist als PDF verfügbar unter: purebhakti.com

ISBN 978-1-63316-169-6 · © 2018 Gaudiya Vedanta Publications · Text lizenziert unter CC BY-ND 4.0