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Seit dem Jahr 2003 gehe ich den Weg eines Vaishnavas. Über zwei Jahrzehnte lang war mein Verständnis geprägt von den Lehren und der Struktur der organisierten Gaudiya-Gemeinschaft. Doch erst im Jahr 2024, nach meinem inneren und äußeren Ausstieg aus der institutionellen Enge, begegnete mir zum ersten Mal wirklich jenes Werk, das heute mein Herz wie kein anderes berührt: die Autobiografie von Srila Bhaktivinoda Thakura, die Svalikhita Jivani.
In den Kreisen, in denen ich mich früher bewegte, wurde dieses Buch wie ein apokryphes Schriftstück behandelt. Es galt als Fälschung, als unwahr, oder wurde schlichtweg totgeschwiegen. Die Führer der Institution warnten davor, es zu lesen. Doch als ich es 2024 endlich wagte, mich unvoreingenommen darin zu vertiefen, fand ich keine Lüge. Ich fand eine Wahrheit, die so resonant, so tief und so authentisch war, dass sie unmöglich gefälscht sein konnte. Es war die unverkennbare Handschrift des „Siebten Goswamis“ – demütig, menschlich und zutiefst bewegend.
Warum aber wird dieses intime Zeugnis in der organisierten Gaudiya-Vaishnava-Gemeinschaft (zu der die Gaudiya Math, die ISKCON und ihre Ableger gehören) so vehement abgelehnt? Um das zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte der Institution ansehen.
Die moderne Bewegung, wie wir sie kennen, wurde maßgeblich von Bhaktivinodas Sohn, Bimal Prasad – später bekannt als Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura – geformt. Er war ein brillanter Organisator, der die Bhakti-Bewegung nach modernen, fast weltlichen Maßstäben strukturierte. Er lieh sich Elemente der christlichen Kirche für den Aufbau seiner Tempel („Maths“), führte Uniformen und Sannyasa-Trachten ein, die er anderen Traditionen entlehnte, und etablierte ein hierarchisches System. Sein erklärtes Vorbild war die Effizienz der „Indischen Eisenbahn“ – ein Zitat, das Bhaktivedanta Swami später oft wiederholte. Ihm war das traditionelle, organische Bhakti-Leben zu chaotisch; er wollte eine schlagkräftige „Mission“.
Doch dieses militärisch organisierte System stammte nicht von seinem Vater. Bhaktivinoda Thakura selbst war nie Teil einer solchen Kirche. Er war Regierungsbeamter, Familienvater, Philosoph und ein freier Praktizierender. Er lebte die Bhakti von innen nach außen, nicht als Institution, sondern als innere Haltung.
Die Autobiografie von Bhaktivinoda Thakura ist deshalb so gefährlich für die Institution, weil sie den „Mythos der Perfektion“ zerstört. In diesem Werk, das ursprünglich als privater Brief an seinen anderen Sohn, Lalita Prasad, gedacht war, zeigt sich der Thakura ungeschminkt.
Er beschreibt seinen Kampf mit weltlichen Lastern, erwähnt offen seinen Fleischkonsum in jungen Jahren und die Krankheiten, die daraus resultierten. Er schreibt über Zweifel und finanzielle Nöte. Für eine Organisation, deren Autorität auf der Behauptung fußt, ihre Gurus seien „ewig befreite Seelen“ (Nitya-Siddhas), die niemals auch nur den Schatten eines Fehlers hatten, ist diese Menschlichkeit ein Skandal. Mein früherer Guru lehnte sogar die Vorstellung ab, dass die Pandavas oder vedische Könige Fleisch gegessen hätten – so sehr musste die Geschichte bereinigt werden, um in das Dogma der absoluten Reinheit zu passen.
Doch während die Institution versuchte, Bhaktivinoda in eine hagiografische Schablone zu pressen, lebte sein Sohn Lalita Prasad das Erbe des Vaters authentisch weiter. Er gründete keine Mission mit Uniformen, sondern lebte zurückgezogen im Babaji Vesh, praktizierte als Einsiedler und bewahrte die esoterischen Lehren, die sein Vater im Jaiva Dharma niedergeschrieben hatte.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die moderne Bewegung das Buch Jaiva Dharma zwar als philosophisches Meisterwerk preist, die darin beschriebene Praxis – wie die Siddha Pranali (die Weitergabe der ewigen spirituellen Identität) und den Lebensstil der Babajis – jedoch oft als unautorisiert ablehnt. Bhaktivinoda Thakura hingegen beschreibt genau diese Praxis als den Kern des Weges.
Für mich persönlich ist Bhaktivinoda Thakura durch seine Ehrlichkeit nicht kleiner geworden, sondern unendlich viel größer. Wenn ich ihn durch die Augen seiner Autobiografie sehe, kommen mir die Tränen – nicht vor Trauer, sondern vor Erleichterung.
Er ist so nahbar. Er ist so weich. Seine Geschichte ist der lebende Beweis, dass wir keine perfekten Roboter sein müssen, um Krishna zu erreichen. Er zeigt uns, dass spiritueller Fortschritt nicht bedeutet, in einem uniformierten System zu funktionieren, sondern sich durch die eigenen Unvollkommenheiten hindurch zur Wahrheit zu ringen.
Bhaktivinoda Thakura schreckt mich nicht ab mit unerreichbarer Heiligkeit; er lädt mich ein. Er ist wie ein älterer Bruder, der uns zuruft: „Seht her, ich habe auch gekämpft, ich habe auch gezweifelt, und doch funktioniert dieser Prozess.“
Er ist die strahlende Sonne am Vaishnava-Horizont, die eine frohe Botschaft verkündet: Du bist nicht gefallen, nur weil du nicht in das Schema einer Organisation passt. Dein Weg ist ein Seelenweg, der eigenmächtig und direkt begangen werden darf.
Er hat seine Svalikhita Jivani nicht geschrieben, um sich zu glorifizieren, sondern um uns Hoffnung zu spenden. Ich wünsche mir, dass viele andere Praktizierende den Mut finden, dieses Buch ohne die Brille der institutionellen Angst zu lesen. Wer es mit offenem Herzen tut, wird darin nicht den Fall eines Heiligen finden, sondern den Aufstieg der Menschlichkeit zur göttlichen Liebe.
Das ist die wahre Hoffnung. Das ist das echte Vaishnava-Leben.